Für die Coverstory im Presse Schaufenster vom 20.3.2026 („Hat die Therapie als ultimatives Heilsversprechen ausgedient?“) habe ich der Philosophin Ariadne von Schirach Fragen gestellt. Das ganze Interview über posttherapeutische Tendenzen und Therapie-Fatigue läuft im Grunde auf eine der menschlichen Grundfragen hinaus: „Was sollen wir tun“?
Hier zum Nachlesen:
Wie würden Sie die gegenwärtige Stimmung in der Gesellschaft beschreiben?
Wir leben in Zeiten des Übergangs. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr (Geschlechterrollen, Zukunftsversprechen usw.), neue sind noch nicht verbindlich gefunden. Alles spricht, aber wir können nicht mehr angemessen antworten. Diese allgemeine Auflösung, die zugleich eine Auflösung des Allgemeinen ist, macht Angst. Es sind in dieser Hinsicht tatsächlich apokalyptische Zeiten – Apokalypse heißt schlicht Offenbarung. Und es sind eben diese schwer zu integrierenden Widersprüche und Wahrheiten – von kolonialer Schuld und Erdmissachtung, von sozialer Ungleichheit und der Kontinuität elitärer Interessen, von queerer und feministischer Befreiung und einem umfassenden patriarchalen Backlash – die uns gerade online und offline ins Gesicht explodieren und den großen Sinn ebenso fern erscheinen lassen wie die therapeutischen Versprechen der Jahrtausendwende: dass es besser wird, dass wir besser werden, zu uns kommen, Sinn und Beziehung finden.
Welche gesellschaftlichen Funktionen übernimmt die Therapie heute?
Therapeutische Techniken gibt es in allen Kulturen und Epochen. Für mich sind die westlichen Blüten wie Analyse und Verhaltenstherapie ebenso wirksame wie hochspezialisierte Antworten auf Probleme, die oft mehr mit unseren kulturellen Praktiken wie Kindererziehung usw. zu tun haben als mit dem allgemeinen Menschsein. Es sind wirksame, aber fragile Luxusbehandlungen, die ersetzen, was zu gewissen Teilen früher und in anderen Kulturen zwischen Menschen verhandelt wurde und wird: Zuhören, Ausrichten, Wahrheit.
Haben Sie selbst Therapieerfahrung?
Ich selbst mache eine Therapie, für die ich aufrichtig dankbar bin. Ich empfinde die Zeit, die mir von der deutschen Krankenkasse und meiner Therapeutin geschenkt wird, als großzügige Gabe. Mich kostet es aber auch viel Zeit, ist anstrengend, nervig, fordert mich. Sowas geht eigentlich nur, wenn privat und gesellschaftlich vieles stabil ist.
Ist die Therapie-Fatigue nur anekdotische und vernachlässigbare Evidenz oder eine Bewegung, die stärker wird?
Ich denke, dass viele Menschen, auch bei uns, immer mehr Angst bekommen. Kriegsangst, Lebensangst, Angst, den Anschluss zu verlieren. In Abwandlung eines Brecht-Zitates würde ich sagen: Erst kommt die Sicherheit, dann kommt die Therapie. Da hat sich in den letzten 20 Jahren wirklich etwas geändert, auch für junge Menschen. Wenn du gar nicht mehr weißt, ob es für dich eine wirtschaftliche Zukunft gibt, hast du vielleicht kein Interesse mehr an einem langwierigen therapeutischen Prozess, den man vielleicht auch noch selbst bezahlen muss. Oder du machst es einfach selbst: Die Kehrseite der Therapiefatigue ist keine neuer „Materialismus“, sondern die totale Therapie. Mein Insta ist voller Weisheit und Wizardry, und überall erklärt mir jemand, wie ich mein Nervensystem resette, mit Narzissten verhandle und endlich in meiner rich-girl-timeline ankomme. Wer braucht da noch Therapie?
Hat die Therapiemüdigkeit womöglich mit einem Gefühl des Sinnverlusts zu tun?
Sinnverlust ist nur ein anderes Wort für Krise, die immer auch eine Identitätskrise ist. Wir Menschen wissen gerade einfach nicht mehr, wie wir gut miteinander und mit der Erde zusammenleben. Das ist ganz ähnlich, wie wenn man selbst eine Krise hat, weil eine Liebe endet, man krank wird oder einen anderen Weg gehen möchte. Der Moment des Übergangs ist immer unklar, bedrohlich. Eine Therapie ist letztlich eine freiwillige Krise, wo man langsam und vorsichtig schaut, wie man selbst eigentlich schaut und dabei versucht, seine blinden Flecken in den Blick zu bekommen. Dieser Blick nach innen ist der unverlierbare Kern des menschlichen Wachstums, darum geht es in der lebendigen Philosophie mit ihrem „Erkenne dich Selbst“ ebenso wie in spirituellen und psychologischen Techniken wie Schattenarbeit. Vielleicht ist die Menschheit ja gerade bei der Erde in Therapie, und es bleibt nicht mehr so viel übrig für individuelle Projekte. (lacht)
Der Kokainkonsum steigt massiv – kann das mit der angenommenen Therapie-Fatigue zusammenhängen? Im Sinne von: Wir haben keine Lust mehr, zu analysieren und zu funktionieren, wir wollen jetzt nur noch eskalieren?
Es gibt drei typische Haltungen in der Krise: Der Rückzug ins Private, man kann dazu auch neues Biedermeier sagen. Apokalyptisches Konsumverhalten im Sinne von: „Nach mir die Sintflut.“ Oder – besonders sympathisch – der große Reibach, bei dem die gehorteten Millionen zu Milliarden werden. Was würdest du denn machen, wenn du nicht mehr lange zu leben hättest? Ich würde sofort wieder anfangen zu rauchen (lacht). Apokalyptisches Konsumverhalten ist sehr verständlich, aber vielleicht auch eine Fehleinschätzung. Denn obwohl es sich – und ich denke, das wird vielleicht noch stärker – mal wieder anfühlt wie die letzten Tage der Menschheit, geht es vielleicht doch einfach weiter mit uns und dann steht man dumm da mit seinen grauen Lungen und der eingefallenen Nasenscheidewand.
Trigger, Trauma & Co: Therapiesprache ist in den Alltag eingewandert. Was ist daran problematisch?
Das therapeutische Denken und Sprechen hat sich unauslöschlich in unsere Kultur einschrieben. Unter jüngeren Menschen ist Therapiesprech unhinterfragter Alltag. Wie dieses Denken zu einem neuen kulturellen Betriebssystem wurde, hat kaum jemand präziser untersucht als Eva Illouz in ihren Büchern wie „Die Errettung der modernen Seele“. Aber auch hier ist nichts wahr ohne sein Gegenteil: Die Totalität der Therapie ist zugleich ihre Aushöhlung. Selbsterkenntnis ohne Selbststeuerung ist narzisstisch: Schau, wie empfindsam und reflektiert ich bin. Ohne echte und schmerzhafte Schattenarbeit ist auch im 21. Jahrhundert kein Fortschritt möglich. Den merkt man, wenn man gelassener wird, demütiger und humorvoller. Belastbarer. Zumindest ein wenig.
In „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ (Ottessa Moshfegh) beschließt eine junge Frau, ein Jahr mithilfe diverser Medikamente mehr oder weniger durchzuschlafen. Ist eine solche Realitätsverweigerung auch eine mögliche Reaktion auf die ständige Selbstdurchleuchtung?
Ich liebe dieses Buch (lacht). Der Rückzug ins Private ist eine ebenso verständliche Reaktion auf die brennende Welt wie der Wunsch, das Heute mit allen Mitteln zu genießen. Vielleicht einen Tick schonender für die Gesundheit als das apokalyptische Konsumverhalten. Wir sind aber nicht nur hier, um zu schlafen und zu feiern. Wir sind hier, um das Werden der Welt zu bezeugen, um uns selbst zu erkennen, Sinn zu suchen und Sinn zu finden. Um uns zu entwickeln, das Leben zu wagen und lieben zu lernen. Jetzt ist eine gute Zeit, um damit anzufangen. Und jetzt. Und jetzt.
Was kommt also nach der Therapie?
Das Aufbrechen alter Sinnstrukturen nimmt uns alle auf ganz neue Weise in die Verantwortung. Wenn es keine kollektiven Antworten mehr gibt, müssen wir alle wieder selbst ran. Das ist eben die geballte Weisheit, die mir auf Insta entgegenkommt. Zudem öffnen sich Bereiche, die lange verdeckt und unterdrückt wurden: Magie in Gestalt von Tarot, Kristallen, Kräutern und up and coming: Salz. Manifestation, Timelines, Quantum Leaps und mein neues Lieblingswort: Alignment. Körperwissen, Heilsymbole, das Wasser, die Tiere, was der Abfluss sah. Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse.
Um mit Immanuel Kant zu schließen: Was sollen wir tun?
Natürlich muss man auch in der Krise ganz genau schauen, was trägt und was trübt, aber diese massive Verlebendigung der inneren Welt beglückt mich. Unsere alte Idee vom Menschsein war elitär, einseitig und patriarchal. In der Krise werden neue Formen von Weltbeziehungen sichtbar, und neue Ideen von uns, von Krankheit und Gesundheit, Sinn und Zufriedenheit. Auch die allgegenwärtigen Mental Health Issues können anders betrachtet werden, wie beispielsweise von Malindoma Somé (Anm.: burkinischer Schriftsteller und spiritueller Lehrer), der psychische Krankheit als Zeichen für die „Geburt eines Heilers“ interpretierte. Doch am spannendsten ist die Frage, in welchen Formen wir jetzt und in Zukunft die existenziellen Fragen nach Sinn und Schuld, Gelingen und Verantwortung verhandeln und wer sie zugleich, in dieser umfassenden Krise, mit uns verhandelt.
Bild oben (c): Elisabeth Giovanoli